Jens Steiner wurde 1975 in Zürich geboren. Studium der Germanistik und Philosophie, einige Jahre Lehrer und Verlagslektor, heute freier Autor.


Addendum:

Da unser Mann sich als wenig auskunftsfreudig erweist und darüber hinaus die kommunikative Handelseinheit der Facebook-Ära – den Plauderpost aus dem persönlichen Nähkästchen – nicht zu kennen scheint, fügt hier Ungenannt die Ergebnisse einer anonym durchgeführten Langzeitstudie an:

 

 

Der Schriftsteller als Labormaus

 

Früher arbeitete er stets zu Hause, später betätigte er sich als Wanderarbeiter in öffentlichen Bibliotheken, heute hat er seine Klause am anderen Ende der Stadt. Hier erledigt er sein Tagewerk. Wir auch. Beharrlich stehen wir auf unserem Guck- und Horchposten und protokollieren sämtliche Regungen des Subjekts. Gelegentlich werfen wir ein Stöckchen rein. Und protokollieren weiter.

 

Zwischen halb neun und neun ist er in der Regel am Schreibtisch, eine durchschnittliche Büromaus also. Kaffeemaus ist er offenbar auch: Kaum hat er den Computer ausgepackt, setzt er das Wasser auf. Tasse spülen, Fenster auf, um zu lüften, Kaffee aufgießen. Dann schwupps ein Stück Zucker rein und umrühren. Schließlich setzt er sich hin und fährt den Klapprechner hoch.

 

Und nun? Schwierig zu sagen. Observation ist das eine, das Beobachtete in passende Worte zu fassen das andere. Er schaut sich vielleicht seine Fingernägel an, vielleicht auch nicht, er macht vielleicht ein Dokument auf, vielleicht auch nicht, er schreibt vielleicht gleich los, vielleicht auch nicht. In der ersten halben Stunde haben wir schon alles Mögliche beobachtet. Meistens beginnt er mit den Fingernägeln oder intensivem Anstarren der Wand.

 

Schauen wir uns mal im Raum um. Ein winziger Kubus, vier auf drei Meter, in der Mitte ein Tisch, zwei Stühle, ein Regal mit Tees, Kaffee, Nüssen, Schokolade und so weiter. An der einen Wand ein großformatiges Schneebild, vielleicht stellt es auch ein Meer im Sturm dar (es heißt Vinterlys66 und ist von der dänischen Malerin Ada Scheller). Gegenüber eine Postkarte mit einem breitbeinig deklamierenden Ernst Jandl (aus der Postkartenedition des Literarischen Colloquiums Berlin). Neben dem Fenster ein Sommerliegestuhl, der für das Mittagsschläfchen gern auch winters benutzt wird.

 

Ah, jetzt. Endlich schreibt er los. Oder täuschen wir uns? Doch, doch, er tut es, auch wenn er das Geschriebene gleich wieder löscht. So kann das eine Viertelstunde lang gehen: Er schreibt einen Satz, löscht ihn wieder, schreibt ihn neu, löscht ihn abermals und so weiter. Und plötzlich gibt er das Lavieren auf und hämmert drauflos. Dann Pause. Und weiter hämmern. Oder ganz anders. Man weiß nie, was als Nächstes kommt.

 

Schreibblockaden? Scheint er nicht zu kennen. Zweifel? O ja! Ein Manuskript hat er noch nie angezündet, jedenfalls haben wir das hier nie protokolliert, aber Texte verwerfen kann man auch auf weniger dramatische Weise. Und das tut unser Tippmäuserich ständig. Meistens löst das Verwerfen verstärktes Hämmern auf der Tastatur aus. Wir folgern: Der Mann ist ein Kämpfer. Bis auf Weiteres soll diese Hypothese gelten.

 

Und sonst? Weitere Hypothesen? Er scheint seine Arbeit gerne zu machen, anders lässt sich der Furor nicht erklären, mit dem er tagaus, tagein seine Wörter in den Computer haut. Arbeitspausen scheut er so sehr, dass bei Abschluss eines Buches stets mit einem anderen gleich weitergefahren werden kann. Immer schön nach der Devise des von ihm verehrten Peter Kurzeck: »Nach Hause und gleich weiter mit dem Manuskript.«

 

Natürlich haben wir auch Selbstaussagen des Subjekts gesammelt. Selbstaussagen gelten in der Wissenschaft nicht als empirische Befunde, deshalb sei hier zur äußersten Vorsicht gemahnt. Dennoch wollen wir hier einige davon wiedergeben. Zum Beispiel seine Antworten auf die Frage nach dem Warum seiner Arbeit. Sein Schreiben sei eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen, für die der Journalismus, die öffentliche Diskussion und das zeitgenössische Therapieparadigma keine angemessenen Worte fänden, sagt er einmal. Ganz schön hochgegriffen, aber unser Senf ist hier nicht gefragt. Ein anderes Mal verkündet er: »Ich mache mit meinen Texten gewissermaßen stumme Musik. Bedeutungen sind durchaus gewollt, aber nie mehr als Nebensache.« Noch ein anderes Mal: »Ich bin ein durch und durch hedonistischer Autor, Zwecke haben ohnehin keinen Zweck.« Nun ja, was soll man dazu sagen. Und wissenschaftlich ist das alles ohnehin unbrauchbar.

 

Äußern tut er sich auch zu gelesenen Autoren und Büchern. Die Wege seiner Lektüren seien selbst ihm manchmal kaum verständlich, tut er kund. Mal knie er sich in vergessene Science-Fiction-Romane und begreife erst Jahre später, was er damit gewollt habe. Mal wuselt er wochenlang in den Tiefen des Gesamtwerks von Günter Kunert und findet dennoch nicht heraus, was er zwar ahnt, aber nicht ausformulieren kann. Ein anderes Mal liest er alles, was er über das Überwinterungsverhalten von Gänsesägern oder menschliche Jagdstrategien im Jungpleistozän in die Finger kriegt. Was den klassischen Literaturkanon angeht, gibt’s durchaus Autoren und Autorinnen, die bewundert werden. Ob sie auch Vorbilder sind, ist eine andere Frage. Die Lesemaus hat nie etwas dazu verlautbart. Namen wie Gogol, Calvino, Oates, Morrison, Ginzburg, Stasiuk, Stoppard, Henisch oder Kurzeck sind schon gefallen. Wir können das nicht einordnen, wir müssen zum Glück auch nicht, deshalb geben wir das den sich dazu berufen Fühlenden unbesehen weiter.

 

Der Mäusemann sitzt noch immer da und tippt, schaut hoch, tippt, braut Kaffee, tippt, kichert, tippt, geht aufs Klo, tippt, und so weiter, und so fort. Nutzlos, hier alles wiederzugeben. Unsere wissenschaftlichen Schlüsse können hier genauso wenig präsentiert werden, es hätte auch keinen Sinn, weil, mit Verlaub, aber da braucht es nun mal eine gewisse Vorbildung. Im Sinne eines abstract können wir Folgendes zusammentragen: Der heilige Schreibfuror lässt sich schwer vereinbaren mit dem zugleich protokollierten unablässigen Grinsen und Gickeln, aber genau diese Gleichzeitigkeit scheint das hervorstechendste Charakteristikum unseres literarischen Kleinnagers zu sein. Rituale scheint er nicht zu befolgen, bestimmten Regeln oder Regelmäßigkeiten auch nicht. Abgesehen davon, dass er wie die anderen nach Ablauf der traditionellen Bürozeit den Nachhauseweg antritt. Wobei nicht sicher ist, ob er in seiner Arbeit überhaupt jemals eine Pause macht. Die verstörend amüsierten Blicke, die er in der S-Bahn um sich wirft, sowie die Nachdenkstarre, in die er feierabends auf dem Sofa verfällt, lassen darauf schließen, dass es in seinem Oberstübchen immer weiterrattert.

 

Wie auch immer. Morgen ist er wieder auf seinem Posten. Wir auch. Mehr lässt sich beim besten Willen nicht voraussagen. Wir sind schließlich Wissenschaftler und keine Schwarzkünstler.