Woher, wohin, und wozu das alles?

 

Philipp arbeitet nach einer abgebrochenen Lehre auf einem Recyclinghof. Schnell entwickelt er sich dort zum Hoffnungsträger für seinen Vorgesetzten Uwe. Auf dem Hof arbeiten auch Arturo und João, zwei Portugiesen, die aus dem Kreislauf der Waren ihren eigenen, nicht ganz legalen Nutzen ziehen, für den sie bald auch Philipp gewinnen wollen – bis ihnen ein Großprojekt aus dem Ruder läuft und die aufgeräumte Welt des Recyclinghofes gehörig ins Wanken gerät.


Mein Leben als Hoffnungsträger ist ein Kammerspiel für vier Personen, in dem die Generation »Weiß noch nicht« mit den Konsequenzen der Warenwirtschaft konfrontiert wird, die Wachstum verspricht, während sich der Mensch im Überfluss selbst erstickt.

 

Mein Leben als Hoffnungsträger, Roman, 192 Seiten, Arche Verlag 2017

 

 

Das sagt die Presse:

 

»Wer schon einmal auf einem Recyclinghof etwas abgegeben hat, und sei es nur einen alten Weihnachtsbaum, der weiß um das Potenzial eines solchen Ortes. Steiner schnitzt daraus eine reduzierte, aber bildgewaltige Kulisse an der Peripherie der Großstadt, in der sein Ensemble nicht ohne Wahn agiert, aber ein köstliches Gleichgewicht hält.«

 Spiegel Online

 

»Raffiniert verschränkt der Roman das Lebensgefühl der Generation Y mit einem satirischen Blick auf die Wegwerfgesellschaft – und erzählt wie nebenbei noch eine slapstickreiche Ganovenstory.«

 Luzerner Zeitung

 

»Eine hintersinnige Parabel auf die Widerwärtigkeiten unserer Welt.«

 SRF

 

»Jens Steiner legt ein Buch vor, das seine drei Vorgänger sogar noch übertrifft. Die Dialoge sind hinreißend, die Schilderungen des Alltags auf dem Recyclinghof durchwirkt mit leuchtenden Erinnerungen des Ich-Erzählers Philipp. Die Figuren sind souverän gezeichnet und gegeneinander abgegrenzt, es gibt jede Menge Situationskomik.«

 NZZ am Sonntag

 

»Man könnte dem neuen Roman des Schweizer Autors Jens Steiner eine Leitfrage unterstellen: Wie setzt ein Mensch heutzutage ein Leben zusammen, egal ob sein eigenes oder ein fremdes? Kräftig durchschütteln und schon ist sortiert. Ganz einfach. Dann fortschmeißen. Auch einfach, sagt Arturo über das in etlichen Plastiktüten gesammelte Leben, das ihm und seinen Kollegen eine Dame zur Entsorgung in jedem Sinn vorbeibringt.«

 Badische Zeitung

 

 

»Das Leben im Roman Mein Leben als Hoffnungsträger ist ein beständiger, manchmal reißender, manchmal behäbig strömender Fluss des Erwerbens und Entsorgens, das man heute Recycling nennt. Der Begriff führt ins Mikrokosmische der Dinge und zu den in großstädtischen Abfalltrennanlagen und vor Presscontainern sich erhebenden Fragen nach Fülle und Verschwendung, nach Sein und Vernichtung und Wiederauferstehung; und man könnte den Philipp, den Icherzähler dieses Buchs, mit einigem Recht einen Candide der Zehnerjahre nennen.«

 Tages-Anzeiger

 

Hier geht's zur Leseprobe. Und hier gibt es ein paar Fragen und Antworten zum neuen Buch (anklicken zum Vergrößern) ...


 

Was tut er denn nun, der Schriftsteller?

 

Eine seltsame Debatte entspann sich kürzlich in der Schweizer Literaturszene: Nachdem die ausgewiesene Kapazität Peter Stamm in einer Rede das Nichtstun zu des Schriftstellers Kerngeschäft erkoren und damit all jenen Autoren, die sich lieber in öffentlichen Stellungnahmen ereifern, einen Seitenhieb verpasst hatte, fühlte sich die »Hoffnung der Schweizer Literatur« (Tages-Anzeiger-Redakteur Martin Ebel) Jonas Lüscher dazu veranlasst, Stamm nicht nur der Ironie, sondern auch der Zurückhaltung und der Ausgewogenheit zu bezichtigen. Er verteidigte den von Stamm angegriffenen »Erfolgsdramatiker« (Martin Ebel) Lukas Bärfuss und verortete Stamms Diktum in der schweizerischen Tradition, kritische Autoren zu desavouieren, ja zu pathologisieren. Stamm stritt in der Folge ab, in seiner Rede Bärfuss‘ Namen genannt zu haben, und parierte mit dem Argument, jeglicher Zwang zum politischen Engagement nehme der Literatur die Freiheit, die doch eigentlich Voraussetzung politischen Engagements sein müsse.

 

Die Debatte ist insofern seltsam, als ihre Protagonisten weitgehend aneinander vorbeiredeten – eine Praxis, die sonst Politikern vorbehalten ist. Ihr Gegenstand war der kritische Intellektuelle, den Jonas Lüscher im öffentlichen Diskurs für unabdingbar hält, während Peter Stamm demselbigen gründlich misstraut. Lüscher wäre insofern beizupflichten, als der Intellektuelle durchaus eine produktive Rolle ausfüllen könnte. Stamms Feststellung, dass dieser kaum je als authentische Figur auftrete, lässt sich indes schwer widersprechen. In der Tat ist diese Figur zu sehr den Projektionen der Medienschaffenden ausgesetzt, zu sehr auch erliegen jene, die sie bewirtschaften, einer ritualisierten Rollenprosa. Neue Formen der kritischen Einmischung gäbe es, doch die Mainstream-Medien scheinen sie in ihrem unbändigen Verlangen nach dem großen Mahner – der Geist von Max Frisch dreht ewig seine Runden – schlichtweg nicht zu bemerken.

 

Die Debatte zwischen Lüscher und Stamm ist längst verstummt, derweil der kritische Intellektuelle nach wie vor sein Wesen treibt und stille Skribenten weiterhin die Freiheit der Literatur in Anspruch nehmen. Eine Frage bleibt: Was tut der Schriftsteller wirklich, jenseits von allem Sollen, jenseits des Nichtstuns? Wo ist er daheim im Rollenkosmos zwischen »Gewissensbiss der Menschheit« (Ludwig Feuerbach) und »Angestellter der Fantasie« (Erich Kästner)? Der empirischen Erforschung dieser Fragen ist mein neuer Blog gewidmet. Obwohl der darin vorkommende, »Schriftsteller« genannte Schriftsteller rein fiktiv ist, kenne ich, also der Autor, ihn zugegebenermaßen recht gut. Ja, ich begegne ihm eigentlich jeden Tag.

 


 

Erschöpftes Abendland

 

Noch immer erscheint sie in gewohnter Unregelmäßigkeit, meine kleine Serie im Wiener Standard. Manche nennen sie ein Brevier zeitgenössischer Zumutungen, andere ein Archiv des beschwingten Niedergangs. In der Folge eine Auswahl:

 

 

Keine Antwort glich der anderen, als die Beteiligten gefragt wurden, was genau passiert war. Einer sagte: »Ich hatte plötzlich eine irre Angst vor allen, die neben mir hergingen.« Ein zweiter: »Da war ein Gellen, das durch die Straßen ging, und ich setzte mich sofort in Bewegung.« Eine dritte: »Wissen Sie, Herr Kommissar, das erstaunt mich gar nicht. Ich war schon den ganzen Tag so kribbelig. Den anderen erging es offenbar genauso. Vielleicht die Mondphase.« Letztlich gab es keine brauchbare Erklärung für das Phänomen. Doch wie, fragte man sich auf den entsprechenden Ämtern, können wir den Zeitpunkt voraussehen, in dem sich die Massen der Fußgängerzone erneut diesen Bewegungen hingeben, in breiten Wogen oder galaxienförmig sich kringelnd über die Straßen hinweg, in gegenläufigem Zickzack durch die Münder der Warenhäuser, sich in Gassen quetschend und auf der anderen Seite von dem Druck wieder hinausgeschleudert, als kompakte Kaskaden über die Treppen der U-Bahn hinweg – Bewegungen, die Angst machten und zugleich von der Schönheit herbstlicher Vogelschwärme waren. Ja, man war nervös angesichts einer unsichtbaren Hand, die das frei wählende Individuum der städtischen Shopping-Sphäre für ihre Kapriolen missbrauchte.

 

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Es begann damit, dass der reichere Teil Italiens den Mezzogiorno von sich strampelte, worauf dieser beschloss, mit Absatz und Stiefelspitze den Peloponnes zu umarmen. In dieser neuen Konstellation sah nun Zypern, das sich schon immer in die nordöstliche Mittelmeerecke abgedrängt gefühlt hatte, seine Chance, zog flugs an Kreta vorbei und dockte an den freigewordenen Rumpf Italiens an. Dies wiederum wollte Kreta nicht hinnehmen und legte sich – rustikal-starrköpfig, wie es schon immer gewesen war – als Riegel zwischen Arkadien und die Cyrenaika und machte so aus dem Mare Nostrum zwei. Lampedusa, das schon lange die Schnauze voll hatte, packte die Gelegenheit und machte den Balearen schöne Augen. Seither ankert es in Sichtweite Ibizas und hat sich einen einschlägigen Ruf als härteste Partyinsel zwischen Tel Aviv und Gibraltar erarbeitet. Im Zuge dieser Realitätsflucht entsann Dänemark sich seiner fast vergessenen humanitären Tradition und bot Bornholm als Ersatz für Lampedusa an, was Italien wiederum von sich wies und die abgehalfterte Gefängnisinsel Pianosa zum Flüchtlingsdienst vorschickte. Kein Wunder, erlebt das Vorurteil vom mediterranen Laissez-faire eine Renaissance. Das lutheranische Europa droht schon mal mit einer neuen Troika.

 

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Im Schneidersitz hatten sie sich aufgereiht, Wolldecke auf den Schultern die einen, von ihrer bloßen moralischen Überzeugung warmgehalten die anderen. Ohne Hektik erwarteten sie das Heer von Polizisten. Ein ganz normaler Castor-Transport, ein ganz normaler Sitzprotest. Beides gehörte seit Jahren zusammen wie Pech und Schwefel. Auch Elmar Kammbrecher war wieder dabei. Er war schon dabei gewesen, als der nach Hund riechende Rastalocken-Jüngling neben ihm von seiner Mama die Windeln gewechselt bekam. Rundherum ein Pfeifen und Johlen, Antreiber mit Megafon und Sirenen, aber hier, wo Demonstranten und Gesetzeshüter einander begegneten, war es merkwürdig still. Als die Männer in Grün bei Elmar Kammbrecher ankamen und ihn wie üblich aufforderten aufzustehen, schüttelte er wie üblich den Kopf. Doch wie sie ihm unter die Achseln griffen, war es augenblicklich um ihn geschehen. Wie ein Jungbär kam er sich vor, die Nackenwulst im festen Bissgriff der Mutter, und er gab sich da voll hinein. Im Geiste ließ er sich ein dickes Fell wachsen, eine Schnauze und große Tatzen. Als die Polizisten ihn absetzten, trollte sich Elmar Kammbrecher, bereits mit Haut und Haar Bär geworden, in den naheliegenden Wald und ließ Gorleben für immer hinter sich.