»Und jetzt: Dieses Glück, nach Hause gehen zu können. Einen Fernseher zu haben und Kinder, die da waren und ihre Dinge taten, einfach so. Das Glück, trotz allem. Nicht viel war gut, aber diese Türklinke hinunterzudrücken. Das war es. Man wusste ja nicht, was aus einem werden sollte, aber man kam nach Hause, drückte die Türklinke und konnte alle Gesichtsmuskeln hängen lassen, das Glück nahm einen in Empfang, zog einem die Bluse aus dem Rock und rollte einem die Strumpfhose von den Beinen. Man ließ es mit sich tun in seiner eigenen Wohnung, die sich anfühlte wie ein großer Korb voll gebrauchter Wäsche. Obwohl man nicht wusste, was aus einem werden sollte. Und sogar die Angst, oder vielmehr das Wissen, dass man in diesem Leben nicht mehr ein anderer werden konnte, auch dieses beunruhigte nicht mehr. Man gab sich der allabendlichen Vermählung von Müdigkeit und Glück hin, hatte an der Schwere des Seins nichts auszusetzen.«

 

 

aus Hasenleben

 

 

 

 

 

Porträt des Künstlers als Kirchenmaus

Wo die Suchenden, die Zögernden und die Angekommenen dem Kultus beiwohnen, ist er freiwillig unfreiwillig

zu Hause und darum stets auf der Hut. In der Stille nach Torschluss flitzt er über kalte Böden, wuselt durchs

Sanktuarium und frönt dem Hostienschmaus im Tabernakel. Das Haus des Schöpfervaters ist ihm Alptraumhöhle

und Archiv betagter Wörter, in dem er nächtens endlos stöbert. Albe, Rochett und Seelenamt, Zingulum,

Magnificat, Potztausendsackerment!

 

 

 

 

»Flöge man als Vogel über dieses Marseille, sähe man über weite Strecken kaum große Unterschiede, insgesamt wenig Grün, an den Straßen selten ein Baum, stattdessen kilometerweit dieses schiefrige Grau, wie ein düsterer Steinbruch mit vereinzelten weißen und pastellenen Einsprengseln, und man sähe auch die Flüsse und Stillstände der Menschenmassen wie auch der Einzelnen, der Verfolger und Verfolgten, und versuchte man als Vogel, sich ein Gesamtbild von alldem zu verschaffen, dann verstünde man, dass die Irrwege der Menschen zwar nie die gleichen sind, sich aber wie die Träume stets ähneln, weil alle den gleichen Homunkulus oben drin haben und ihre verdammte Unfreiheit immer die gleiche ist.«

 

 

aus Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit

 

 

 

 

 

Porträt des Künstlers als Schreibstube

Hier der Tisch aus bescheidenem Buchenfurnier, darauf lichtgebende Friseurhaube, Stiftbehälter, Kaffeetasse und

allerlei Papierkram. Er ist des Künstlers Kopf, eine schwebende Unordnung, drei Fuß über den Bohlen. Rundherum

vier à la grècque geweißelte Wände, zur Hälfte von Büchern belagert. Sie sind des Künstlers Sinne, zaghafte Fühler

nach draußen. Eine Stube ist Interieur und Weltabbild zugleich, ein Allesnichts in der Nussschale, unterwegs in den

Gewässern sämtlicher Himmelsrichtungen. Der Rest: Seemannsgarn.

 

 

 

 

»Heute ist mein alter Garten wieder zur Wildnis geworden. Manchmal gehe ich hin und arbeite mich mit blutroten Händen durch die Brombeersträucher, im Herbst sammle ich Nüsse ein. Ganz selten treffe ich jemanden, der seinen Sack füllt. Ich nicke ihm ermunternd zu. Die meisten Nüsse verrotten unter den Bäumen. Keiner will sie haben.

Ich arbeite jetzt in einer Sägerei. Es ist derart laut an meinem Arbeitsplatz, dass man sich nicht unterhalten kann. Zuweile sehe ich, wie der Chef jemanden anschreit, und denke an Gramsci. Mich schreit der Chef nie an. Hat er Angst vor mir? Hat er erfahren, dass ich Bescheid weiß über den Marxismus?

Ich habe mit Holz zu tun. Man muss dieses Material verstehen. Das Verständnis beginnt in den Händen und lässt sich später in den Augen nieder. Man befühlt einen Stamm, man lässt den Kennerblick auf seinen Musterungen spazieren. Es ist kein Denken, das man dabei durchquert, aber am Schluss kommt man dennoch im Verstehen an. Wie wird dieses Holz sich verformen, bei Feuchtigkeit, bei Wärme bei wechselndem Klima? Will es schrumpfen, sich biegen, will es Risse bilden? Hier in der Sägerei kann ich der Eigensinnsmensch bleiben, der ich immer war, trotz Gehörschutz und Firmen-Blaumann.«

 

 

aus Carambole

 

 

 

 

 

Porträt des Künstlers als Zimmerpflanze

Ein unscheinbares Geschlinge, in seinem Hängetopf stoisch des Kommenden harrend. Grünlilie nennt man ihn

prosaisch, Beamtengras verächtlich, er stört sich nicht daran. Kaum jemand weiß Exaktes über ihn, abgesehen von

ein paar Botanikern. Horstbildend, radiärsymmetrisch, spargelartig. Zum Glück reden Botaniker nicht viel. Sein

täglich Brot heißt Photosynthese. Am liebsten wäre er nur Ding, also reines Objekt. Noch ist er nicht so weit, aber

auf gutem Weg. Vorläufig wird also weiterhin aus Licht und Farbe Energie geschustert.